Bettina Scherrer und Ole Rennstich waren für ein halbes Jahr in Gurkha, Nepal, um dort auf der Farm im „Land of the Medicine Buddha“ aktiv Entwicklungshilfe zu leisten. Über ihre besondere Zeit und das, was sie selbst von dort mitnehmen konnten, schreibt Bettina in ihrem Bericht:

Wo fange ich an…

Mitten im Monsun sind wir patschnass von Regen und Schweiß auf dem schönen Stück Land am Ufer des Trishuli Rivers angekommen. Im Gepäck hatten wir Werkzeug, kiloweise Schrauben, die obligatorische Schweizer Schokolade und eine geballte Ladung Motivation. Für den anstrengenden Marsch von der Straße zur Farm (mit dem ganzen Gepäck über Stock und Stein und zwischen den Reisfeldern hindurch) wurden wir mit dem saftigsten Grün belohnt, das man sich vorstellen kann! Noch nie zuvor ist mir die Welt so grün vorgekommen.

Die auf der Farm lebenden und arbeitenden Menschen haben uns zunächst aus sicherer Entfernung vorsichtig beäugt, aber bald schon hat die Neugierde gesiegt und wir wurden mit Fragen gelöchert: Im täglichen Englischunterricht wurden wir sofort zur mündlichen Übung eingesetzt. „Wo kommt ihr her?“, „Wie ist es da wo ihr herkommt?“, „Gibt es da auch Berge?“, „Seid Ihr verheiratet?“, „Warum seid Ihr nicht verheiratet?“. Und dann dürfen wir ein paar Fragen stellen und erfahren einiges über die Menschen, welche diesen besonderen Ort bewohnen und bearbeiten. Kalpana ist schon am längsten dabei und kann sich sehr gut verständigen. Sie wohnt mit dem jüngsten ihrer drei Söhne und ihrem Mann in einem nahe gelegenen Dorf. Ein anderer Sohn arbeitet in Qatar,  einer im Süden Nepals. Aus dem Dorf kommen auch noch Gita und Rita. Beide arbeiten auf der Farm, um ihre Familien zu ernähren. Einige der Farmbewohner gehören der Volksgruppe der Chepang an, welche im Süden Nepals unter sehr einfachen Bedingungen leben und unter (für unsere Verhältnisse) schwierigsten Bedingungen Landwirtschaft betreiben. Das jüngste Chepang-Mädchen, Usha, ist 18 Jahre alt und sehr schüchtern.

Englisch, Rechnungswesen, Landwirtschaft

Wer nicht am Englischunterricht teilnimmt ist Babulal. Babulal ist der Dorfälteste und eine liebenswerte Respektsperson. Er redet konsequent Nepali, obwohl er, wie sich mit der Zeit herausstellt, doch das ein oder andere Wort aus dem Englischen kennt. Der Unterricht wird von einem Lehrer aus Satrasaya abgehalten, Tika Ram, der Farmmanager führt gewissenhaft eine Anwesenheitsliste. Abgesehen vom täglichen Englischunterricht werden die Frauen blockweise in Rechnungswesen und Landwirtschaft unterrichtet. Wenn Die Frauen nicht im Unterricht sitzen, sind sie entweder auf dem Feld am Jäten, am Ernten oder sie dröseln die Blätter von den bereits getrockneten Kräuterstauden. Das ist eine schöne Arbeit bei der alle im Kreis sitzen und während der Arbeit tratschen, singen und lachen.

Nun zu uns. Wie haben wir uns 5 Monate lang die Zeit vertrieben auf der Farm?

Für Ole als gelernten Zimmermann war es nicht schwierig, sich zu beschäftigen. Es galt einiges auf Vordermann zu bringen. Außerdem ist gerade erst ein neues Klassenzimmer, eine neue Küche, Schlafzimmer und sanitäre Anlagen neu gebaut worden: Für Schulungen und Seminare. Auch hier ist einiges an Arbeit angefallen. Ich selbst beschäftigte mich anfangs mit der Überarbeitung der Schulungsunterlagen für den Landwirtschaftsunterricht und ging, sobald ich damit fertig war, Ole zur Hand.

Viel zu tun und zu bauen… auf die Nepali-Art

Im Dezember war erstmalig die Durchführung eines Biodynamic- Perma Culture Design Course mit ca. 30 Teilnehmern auf der Farm geplant. Bis dahin musste noch einiges passieren. Die neuen Gebäude waren alle noch roh, ohne Fenster, ohne Inventar, ohne sanitäre Anlagen und ungestrichen. Wir machten es uns zur Aufgabe, das voranzubringen. Ein Wasserfilter musste installiert werden, die Zimmer mussten mit Böden und Inventar ausgestattet werden, Fenster und Türen mussten eingebaut werden, Farbe musste an die Wände…

Zusammen mit den Männern der Farm und externen Arbeitern arbeiteten wir also an den Gebäuden und mussten schnell feststellen, dass in Nepal alles etwas mehr Zeit braucht. Anfangs kostete es uns viel Nerven, uns mit der Arbeitsweise der Nepalis und dem verfügbaren Arbeitsmaterial zurechtzufinden. Aber sobald wir verstanden hatten, dass uns nichts anderes übrig blieb, konnten wir sehen, wie kreativ und gelassen die Menschen mit Problemstellungen umgingen. Davon kann sich hier mancher eine Scheibe abschneiden! Für jedes Problem wurde irgendwie und irgendwann eine Lösung gefunden. Die war in der Regel weit von dem entfernt, was wir uns vorgestellt hatten, aber funktioniert hat es immer.

Vom Monsun in die Trockenzeit

Wir arbeiteten uns also durch den Monsun in die Trockenzeit und waren beeindruckt von der Metamorphose die die Landschaft durchlief. Was anfänglich alles vor grünem Leben nur so strotzte verblasste allmählich und vertrocknete. Die Reisfelder wurden abgeerntet, der Boden bekam Risse vor Trockenheit, die Schnecken und die Frösche verschwanden und mit ihnen die unzähligen Insekten. Die Prachtvollen Schmetterlinge wurden weniger, dafür entdeckten wir immer mehr Raupen. Auf den Blättern und am Boden. Die Nächte wurden klarer und die Sicht auf die erhabenen Himals besser. Besonders genossen haben wir eine zehntägige Wanderung zum Machapuchare, dem heiligen Berg und Wohnsitz der Götter.

Apropos Götter: Absolut faszinierend ist es, wie in Nepal verschiedene Religionen zusammenkommen, sich vermischen und friedlich nebeneinander existieren. Mehrheitlich gehören die Menschen dem Hinduismus oder dem Buddhismus an, es gibt aber auch Christen und Muslime. Die Religion ist allgegenwärtig. Mal laut und fröhlich, mal bedächtig und manchmal für unser Empfinden auch etwas brutal, wenn zum Beispiel tausende von Hühnern, Ziegen und Büffeln geopfert werden. Auch die Farmarbeiter zelebrieren die religiösen Feste. Wenn sie in ihren schönsten Gewändern mit der Tikka auf der Stirn losziehen, kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass Sie einen Tempel aufsuchen, um dort den Göttern zu huldigen. Wir durften den traditionellen Ritualen hautnah beiwohnen.

Vorbereitungen für 30 Teilneher des Biodynamic- Permaculture Design Course

Und dann rückt so langsam der Dezember näher und somit sind wir im Endspurt für die Vorbereitungen des Biodynamic- Permaculture Design Course. Die letzten Vorbereitungen der Gebäude müssen getroffen werden und die Zusammenarbeit mit den Kursleitern der Organisation Woven Earth wird enger. Es ist schwer vorstellbar, was es bedeutet, einen Kurs mit 30 Menschen, mehrheitlich aus dem Westen, an einem Ort auszuführen, zu dem keine Straße führt, wo es kein Müllentsorgungssystem gibt, wo kein Trinkwasser aus den Leitungen kommt und die lokal verfügbaren Lebensmittel zu Fuß zur Farm transportiert werden müssen. Das bedeutet komplizierte Logistik. Und die Voraussetzung das die Kursteilnehmer bereit sind, auf den gewohnten Luxus von heißen Duschen, abwechslungsreichem Essen und Waschmaschinen zu verzichten.

Aber auf den letzten Drücker und mit nepalesischer Gelassenheit wird alles rechtzeitig fertig und der Kurs kann beginnen. Für 4 Wochen werden nun viele junge, interessante Menschen, die aus verschiedensten Teilen der Welt kommen, die Farm bevölkern. Die Wege, über die die Kursteilnehmer den Weg zu dem Kurs gefunden haben, sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Aber alle verbindet die Suche nach nachhaltigen Lebensformen und die Liebe zur Natur.

Ein besonderer Kurs

Die Mitarbeiter der Farm, die noch nicht so richtig wissen, was da auf Sie zukommt, sind anfangs sehr aufgeregt. Sie sind mit kleinen Aufgaben wie Lebensmitteleinkäufen und Kochen in die Kursorganisation eingebunden. Kalpana ist stolze Vollzeit-Küchenchefin und genießt ihre Aufgabe und den Kontakt zu den Kursteilnehmern. Und auch Tika Ram ist von nun an meistens in der Küche beim Pfannkuchenbacken, Teekochen und dem Rollen von Chapatis zu finden. Der Austausch mit den Kursteilnehmern ist eine Bereicherung und gibt ihnen die Möglichkeit, ihr Englisch zu üben. Neben der Organisation nehmen wir auch an dem Kurs Teil und genießen die schöne Atmosphäre, welche zwischen den Kursteilnehmern und den Farmarbeitern entsteht.

Wir lernen wie Präparate gemacht werden, wie man kompostiert, wie terrassiert wird und insgesamt, wie vorhandene Ressourcen auf nachhaltige Art und Weise genutzt werden können um Nahrungsmittel, Wärme und Wohnraum zu gewinnen. Wie ein harmonisches Zusammenleben von allen Erdenbewohnern möglich sein könnte. Der Kurs ist ein echter Erfolg. Wir sind stolz darauf, an der Verwirklichung dieser schönen Idee beteiligt zu sein.

Und dann rückt auch schon das Ende unserer Zeit in Nepal näher und damit der Abschied von vielen liebgewonnenen Menschen. Unter Tränen werden wir verabschiedet und zum Bus geleitet. Tröstlich ist es zu wissen, dass wir durch unsere Arbeit und auch durch unsere reine Anwesenheit einen Beitrag geleistet haben und etwas auf der Farm zurücklassen.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!